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  • on 04.06.2008
  • at 02:16 AM
  • by kritik

Schluss mit dem Theater! Paradise No! 0

»Und ich legte die Geldrolle auf einen kleinen Wandtisch im Korridor, neben dem ihr Stuhl angelangt war, verbeugte mich und ging. ’Solch ein Unsinn!’ hörte ich die Bábuschka mir nachrufen.«
– Dostojewski

Zehn Euro. Dafür bekommt man zwei warme Mahlzeiten in einer beliebigen Pizzeria auf dem Schulterblatt, Blumen für die Liebsten, ein Buch oder eine Flasche guten Wein. Man kann sein Geld allerdings auch an einer Theaterkasse verpulvern. Vielleicht irritierender Weise hat man mit dieser Handreichung allerdings eine güldene Erkenntnis entgegen zu nehmen: Der Erwerb einer »Paradise Now«-Eintrittskarte war bzw. wäre eine der dümmsten Optionen des Warentauschs.

Bei dem folgenden Stück handelt es sich um eine Theateradaption des Kinofilms »Paradise Now« von Hany Abu-Assad und Bero Beyer. Die französisch-niederländisch-deutsche Co-Produktion erzählt die Geschichte der Freunde Said und Kaled, zweier junger Palästinenser, denen mit ihrem Leben nichts besseres einfällt, als es mit Sprengstoffgürteln aufzumunitionieren. Verzweiflung und Hilflosigkeit treibe sie dazu, sich und unzählige andere Menschen in den Tod zu reißen – so die Diktion des Films. Der Regisseur Abu-Assad findet das nachvollziehbar: »Ich bin gegen die Tötung von Menschen, und ich will das stoppen. Aber ich verurteile die Selbstmordattentäter nicht. Für mich ist das eine sehr menschliche Reaktion auf eine extreme Situation.« Die Misslichkeit, Extremsituationen durchstehen zu müssen und ein entsprechendes Gefühl der Verzweiflung werden jedoch unzählige Menschen auf der Welt kennen. Der eine leidet Hunger oder muss die Folgen von Naturkatastrophen schultern, die andere wird politisch verfolgt oder lebt auf der Straße. Gleichwohl gibt es keine Weltgesellschaft der Selbstmordattentäter. In schlimmen Lebenslagen geht man zwar verständlicherweise an die Decke, aber jagt nicht sich und andere in die Luft!

Dass sich Frauen und Männer aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen dazu entscheiden, in israelischen Universitäten, Diskos, Restaurants und Linienbussen schreckliche Blutbäder anzurichten, hat weniger mit Verzweiflung zu tun. Ganz im bedauerlichen Einklang mit weiten Teilen der westlichen Kulturlandschaft betreibt man mit einer solchen These nichts anderes als die Rationalisierung des Irrationalen. Denn »Paradise Now« als Film unterschlägt die Virulenz des Judenhasses, des Antisemitismus, der als globales Phänomen einen jüdischen Staat erst hat notwendig werden lassen und der ihn seit seiner Gründung pausenlos bedroht und begleitet. Denn Israel ist nicht nur der Ort, an dem Jüdinnen und Juden erstmals den »aufrechten Gang« gehen (Jean Améry) und über ihr Schicksal selbstbestimmt entscheiden konnten. Es fungiert vornehmlich als einzig sicherer Hafen, der Schutz vor den nach wie vor weltweit grassierenden antisemitischen Rasereien bietet. Anlässlich seines 60. Geburtstags, an dem Israel mit einem erleichterten Seufzer den erstrittenen und verteidigten Fakt seiner Existenz als Gemeinwesen feiert, schickt ein deutsches Theaterensemble keine Glückwünsche, sondern inszeniert wider besseren Wissens eine Selbstmordattentäter-Apologie. Den »politisch kontrovers diskutierten Film ’Paradise Now’« (Zitat aus der Ankündigung des Stückes) mag das Schauspielhaus Hamburg bereits wegen des Attributs »kontrovers« als Werbeslogan. Statt nun aus den, anlässlich des cineastischen Auswurfs vorgebrachten guten Gründen die Finger von diesem Stoff zu lassen, will man ihn lieber »einem jungen Publikum zur Diskussion stellen« (ebd.). Nur was soll dort eigentlich diskutiert werden? Wieviel Verständnis Jihadisten entgegen gebracht werden kann und wieviel Judenmord zulässig ist? Selbstmordanschläge zur Verhandlungssache zu erklären, statt sie ohne wenn und aber zu verurteilen, ist ein Skandal.

Und der Skandal geht weiter: denn trotz des Ortes der Filmhandlungen – Said und Kaled zog es mit ihren TNT-Hosenträgern gerade nach Tel Aviv – lässt die Theaterankündigung sogar jede Erwähnung des Staates vermissen, dessen Bürgerinnen und Bürger real und auf der Leinwand von Suicide Bombern bedroht sind. Israel wird aus dem Setting der Aufführung gestrichen und an seine Stelle in postmoderner Beliebigkeit ich, du und wir alle gesetzt. So betont das Junge Schauspielhaus, dass es sein Stück »an einem besonderen Spielort [inszeniert], wo die Geschichte der Attentäter – angesichts der allgegenwärtigen ’Terrorgefahr’ – letztlich auch enden könnte: in einer szenigen Location mitten in Europa.« Dadurch wird das wohlig-schaurige Imago evoziert, man würde sich im »hippen« Aqarium der »Hamburger Botschaft« der gleichen Gefahr aussetzen wie in einem Bus zwischen Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. Aber selbst wenn sich das Junge Schauspielhaus neben diesem gewiss gern erhaschten Effekt in Ansehung der jüngsten islamistischen Anschläge von London oder Madrid ernsthaft um eine Aktualisierung bzw. Erweiterung ihres Stoffes bemüht haben sollte, taumelt es zielsicher an jeder Analyse und notwendiger Positionierung vorbei. Wollte der Film »Paradise Now« schon vom Antizionismus und Antisemitismus nichts wissen, meidet das Schauspielhaus überdies noch jeden Gedanken an Antiamerikanismus und Islamismus wie der Teufel das Weihwasser. Was in der aufgemachten »verstörend[en] und faszinierend[en] [...] Perspektive der Täter« um den Preis ihres Verlustes unterschlagen werden musste, ist die als Programm der Vernichtung ausagierte anti-aufklärerische Ideologie.

Sie als Grundbedingung des politischen Selbstmordattentats auf den Begriff zu bringen ist für dessen Verständnis unabdingbar und sei hier in aller Kürze nachgeholt. Der ideologische Überbau der Täter gewinnt seine Konturen über eine gescheiterte Verarbeitung der modernen Welt; insbesondere der sie prägenden Einrichtungen unter dem Diktat des Kapitals, das folgenreich auch den Bereich des Politischen wie des Privaten durchzogen und geprägt hat. Das empfundene eigene Unbehagen unter den Verhältnissen erkennt den Kapitalismus nun aber nicht als einen sozialen Prozess, der eine übersubjektive Ordnung etabliert, in der alles nur dem Zwecke der Kapitalakkumulation dient, die letztlich also nur sich selbst als letzten Zweck hat – sondern macht leibliche Personen für ihren Lauf verantwortlich.

Ebenso wie das Hinwegfegen vormoderner Gesellschaften, die Entschleierung der Mythen, sowie die Globalisierung von Libertinage und Hedonismus – kurz die Emanzipation des Einzelnen zum bürgerlichen Subjekt – als erfreuliches Abfallprodukt des Kapitalismus der »westlichen Kultur« oder den »amerikanischen Kreuzfahrern« zum Vorwurf gereicht, so sind hauptsächlich Jüdinnen und Juden Ziel- und Wahnbild des Hasses. Der Antisemitismus imaginiert sich »den Juden« als den alles zersetzenden Blutsauger, der sich die Welt Untertan macht, um von Wall Street und Weltbank den »Völkern der Welt« ohne Grund das Letzte abzupressen. Die weltumspannende Herrschaft des Kapitals verdampft in den Händen der Antisemitinnen und Antisemiten zur »jüdischen Weltverschwörung«. Zu recht wiesen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer darauf hin, bei den Jüdinnen und Juden handele es sich um »die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt.«

Entgegen aller legitimierender und wohlmeinender Behauptungen des deutschen gesellschaftlichen Mainstreams handelt es sich nun auch beim Antizionismus, dem Ressentiment gegen Israel, nicht um einen ehrbare Parteinahme in einem völkerrechtlichen Disput zwischen einem bestehenden Staat und einem Staat in Gründung, sondern hauptsächlich um eine Reproduktion des antisemitischen Furors in den Begriffen und der Sphäre des Politischen. Nicht mehr das Bild des ökonomisch parasitären Juden ist hier dominierend, sondern parasitär, zersetzend und künstlich ist der jüdische Staat Israel. Der Antisemitismus ist im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke (Jean Améry).

Statt verständelnder Verzweiflungsrhetorik wäre eine Kritik des Vernichtungswahns der Selbstmordattentäter und ihres ideologischen Fundaments notwendig gewesen. In Zeiten aber, in denen der Kulturbetrieb das gesellschaftliche Unbewußte reproduziert statt zu pointieren und zu kritisieren, ist vom Theater nichts anderes zu erwarten als die Witterung der Gefahr im allgemeinen Konsens und Konformität auf jeder Ebene: Aus Tätern werden Opfer gemacht.

Kritikmaximierung Hamburg
02.06.2008

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